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Klassik statt Klingel
Am Saarlouiser "Gymnasium am Stadtgarten" werden seit Kurzem die
Schüler nicht mehr per Pausenklingel, sonder über kurze
Klassikschnipsel zum Unterricht gerufen. Ausgedacht hat sich das
Spektakel niemand Geringerer als der eigentlich doch recht renommierte
Musikprofessor Robert Leonardy. Vom Ansatz her mag das Ganze ja einen
kurzen Lacher wert sein, in der Realität dürfte sich diese Art der
Supermarkthintergrundzwangsbeschallung aber binnen kürzester Zeit zu
einer massiven Belästigung auswachsen:
Meist werden erst nach dem Gong die Hausaufgaben vergeben, da kein
Lehrer permanent auf die Uhr blickt und G8 sowieso zu einer "strafferen
Unterrichtsführung" zwingt. Somit bleibt den Pädagogen nur,
gegen Chopin und Tschaikowsky anzubrüllen, so es ihnen denn unverhofft
gelungen sein sollte, die Aufmerksamkeit der Schüler dem mit
infernalischen Getöse über sie hereinbrechenden Geniestreich zum Trotze
zu wahren.
Weiterhin wird der "Musikgenuss", dargeboten über eine schätzungsweise
30 Jahre alte, vermutlich noch dampfgetriebene Lautsprecheranlage mit
einem Gesamtklirrfaktor knapp unterhalb der 100%-Marke sowieso keine
Unterscheidung zwischen Klassik, Ansage und Funktionsstörung zulassen,
was auch den Aushang der gespielten Stücke am schwarzen Brett erklärt.
Aber um Kulturvermittlung geht es ja auch nicht. Die Anmeldung dieses Unsinns
zum Patent dient vermutlich allein der Erhöhung des Kontostandes des
Lizenzgebers sowie seinem Erscheinen in der Presse (Artikel bei Spiegel online).
Böse Zungen vermuten hinter diesem patentierten Geniestreich jedoch weiter gehende Methode:
Hat sich das Ganze erst einmal etabliert, besteht doch sie
Möglichkeit, unter Reduzierung der Lautstärke den Musikgenuss in
Vollzeit auf die Schülerschaft niederplätschern zu lassen. Damit allein
lässt sich schon eine volle Musiklehrerstelle einsparen. Die Änderung
im Musikangebot auf moderne und somit GEMA-pflichtige Musik ist dann
nur noch ein kleiner Schritt. Dieser Schritt spült sodann aus
öffentlicher Hand die für das Überleben
der arg gebeutelten Musikindustrie dringend notwendigen Beträge in
deren Kassen; die paar Millionen tun
angesichts der desolaten Lage im Bildungssektor dann auch nicht mehr
weh - und eleganter als eine direkte Staatssubventionierung ist die
Methode auch!
Ein wahrer Nutzeffekt soll hier dennoch nicht verschwiegen werden: Die
im Saarland obligatorische Zahl von 27 Unterrichtsstunden pro Woche
(Bayern hat bei 24 Stunden die Notbremse gezogen, um die
gymnasiale Unterrichtsqualität nicht unter Realschulniveau sinken zu lassen) führt
immer häufiger zu Lehrerschlaf im Unterricht. Es bleibt den chronisch übermüdeten Saarlouiser Pädagogen
zu wünschen, dass ihr ruckartiges Erwachen zu Ende der Stunde durch die
zwangsverordnete Klassik etwas nervenschonender gestaltet wird.
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