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Klassik statt Klingel

Erstellt von: olaf
Erstellungsdatum: 18-Oktober-2005 11:29
Status: Freigegeben
Gelesen: 1034
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Am Saarlouiser "Gymnasium am Stadtgarten" werden seit Kurzem die Schüler nicht mehr per Pausenklingel, sonder über kurze Klassikschnipsel zum Unterricht gerufen. Ausgedacht hat sich das Spektakel niemand Geringerer als der eigentlich doch recht renommierte Musikprofessor Robert Leonardy. Vom Ansatz her mag das Ganze ja einen kurzen Lacher wert sein, in der Realität dürfte sich diese Art der Supermarkthintergrundzwangsbeschallung aber binnen kürzester Zeit zu einer massiven Belästigung auswachsen:

Meist werden erst nach dem Gong die Hausaufgaben vergeben, da kein Lehrer permanent auf die Uhr blickt und G8 sowieso zu einer "strafferen Unterrichtsführung" zwingt. Somit bleibt den Pädagogen nur, gegen Chopin und Tschaikowsky anzubrüllen, so es ihnen denn unverhofft gelungen sein sollte, die Aufmerksamkeit der Schüler dem mit infernalischen Getöse über sie hereinbrechenden Geniestreich zum Trotze zu wahren.

Weiterhin wird der "Musikgenuss", dargeboten über eine schätzungsweise 30 Jahre alte, vermutlich noch dampfgetriebene Lautsprecheranlage mit einem Gesamtklirrfaktor knapp unterhalb der 100%-Marke sowieso keine Unterscheidung zwischen Klassik, Ansage und Funktionsstörung zulassen, was auch den Aushang der gespielten Stücke am schwarzen Brett erklärt.

Aber um Kulturvermittlung geht es ja auch nicht. Die Anmeldung dieses Unsinns zum Patent dient vermutlich allein der Erhöhung des Kontostandes des Lizenzgebers sowie seinem Erscheinen in der Presse (Artikel bei Spiegel online).
Böse Zungen vermuten hinter diesem patentierten Geniestreich jedoch weiter gehende Methode:

Hat sich das Ganze erst einmal etabliert, besteht doch sie Möglichkeit, unter Reduzierung der Lautstärke den Musikgenuss in Vollzeit auf die Schülerschaft niederplätschern zu lassen. Damit allein lässt sich schon eine volle Musiklehrerstelle einsparen. Die Änderung im Musikangebot auf moderne und somit GEMA-pflichtige Musik ist dann nur noch ein kleiner Schritt. Dieser Schritt spült sodann aus öffentlicher Hand die für das Überleben der arg gebeutelten Musikindustrie dringend notwendigen Beträge in deren Kassen; die paar Millionen tun angesichts der desolaten Lage im Bildungssektor dann auch nicht mehr weh - und eleganter als eine direkte Staatssubventionierung ist die Methode auch!

Ein wahrer Nutzeffekt soll hier dennoch nicht verschwiegen werden: Die im Saarland obligatorische Zahl von 27 Unterrichtsstunden pro Woche (Bayern hat bei 24 Stunden die Notbremse gezogen, um die gymnasiale Unterrichtsqualität nicht unter Realschulniveau sinken zu lassen) führt immer häufiger zu Lehrerschlaf im Unterricht. Es bleibt den chronisch übermüdeten Saarlouiser Pädagogen zu wünschen, dass ihr ruckartiges Erwachen zu Ende der Stunde durch die zwangsverordnete Klassik etwas nervenschonender gestaltet wird.